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Esther Böhm - Bilder und Skulpturen

"Wie Shakespeares Hamlet oder Lessings Minna von Barnhelm ausgehen, weiß ich; wie aber das nächste Derby zwischen Rapid und Austria ausgeht, weiß ich nicht. Der ästhetische wie dramaturgische Vorsprung des Hanappi-Stadions vor dem Burgtheater ist kategorial"

Meine sehr geehrten Hörer,

von diesem Satz des Germanisten Schmidt-Dengler möchte ich aus der Ecke des Germanisten einen Steilpass zu den bildenden Künsten schlagen!

Es ist nämlich in der Tat die Frage, inwieweit es denn gerade so sein sollte, dass der Betrachter einem Kunstwerk dessen Bedeutung schon vorauswissen sollte.

Es hat einmal eine Zeit gegeben, da Bilder ein gegebenes Wissen nur interpretieren durften, wie es der Propaganda Fidei zustatten kam oder einem Realismus der sozialistisch zu sein hatte.

Nun liegt der Reiz für uns ja gerade im ahndungsvollen Nichtwissen, wenn wir einem Objekt begegnen, das seine Bedeutung nicht vor sich herträgt. Solche Objekte laden zum Kennenlernen ein.

Versuchen wir also diese uns hier umgebenden Objekte kennzulernen.

Medien und Wahrnehmung

Vielleicht stellt sich gleich zu Beginn eine Frage, der man sich, ihrer Banalität wegen, vielleicht gar nicht aussetzen möchte: Es ist die in der Kunst unvermeidliche Frage nach der "Modernität" dieser Bilder und Skulpturen.

Diejenigen, die Esther Böhm kennen, wissen, dass sie mit den modernen Medien professionell umzugehen versteht. Selbstverständlich sind die hier gezeigten Arbeiten im Web, nämlich unter der Site www.esther-boehm.de publiziert.

Die Mouse und das World Wide Web, das ist ihr so zur Hand wie der Pinsel und der Meißel.

Im Jahr 2002 erscheint die Welt multimedial: die Bilder erscheinen auf den Bildschirmen. Die Welt ist ein kybernetischer Erlebnispark. Die Attraktivität der Wirklichkeit bleibt weit zurück hinter ihrer eigenen medialen Bild-Erscheinung. Oder auch: die Interpretation verschlingt das Original.

Der Philosoph Günther Anders hat diese merkwürdige Banalisierung der Wirklichkeit im Glanze der Repräsentation im Bilde vor fast 50 Jahren in dem Buch "die Antiquiertheit des Menschen" beschrieben. Wir wissen: "kein Mittel ist nur Mittel" denn letztendlich formen sich die Mittel, die Medien, die Werkzeuge den gebrauchenden Menschen nach ihren Erfordernissen zurecht.

Die Zurechtformung betrifft die Wahrnehmung des apperzipierenden Menschen, was in der Tradition Walter Benjamins wiederholt nachgewiesen wurde.

Die klassische Kunstgattung der Ornamentik ist auf diese Weise mit Entfaltung der europäischen Neuzeit und der Durchsetzung der "zerstreuten Wahrnehmung" untergegangen.

Der Griff nach Farbtube und Hammer hat also im Kern einen wahrnehmungstheoretischen Grund: Als Medien für das wahrnehmende Bewusstsein sind sie von besonderer Qualität.

Wahrnehmungsgegenstand und Realisierungsprozess

Die malerischen Kategorien: Fläche, Linie, Farbe haben sich seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts emanzipiert. Von was haben sie sich emanzipiert?

Kurz gesagt: Sie haben sich von der Aufgabe losgelöst, sich zur Illusion von Raum und Gegenständen zu organisieren. Statt dessen sind die Flächen, Linien, Farben selbst zu Gegenständen geworden. Sie sind real da. Sie organisieren den Raum, in dem sich der künstlerische Akt zu ihnen verhält. Sie organisieren den Raum, in dem sich Apperzeption zu ihnen verhält.

Maler und Betrachter, das ist hier entscheidend, treten in ein Verhältnis zu Fläche, Linie, Farbe. Zunächst ist dies ein Wahrnehmungsverhältnis:

"Bringen wir also eine ... Linie in ein Milieu, welches das Praktisch-Zweckmäßige vollkommen zu vermeiden vermag. Z.B. auf eine Leinwand. Solange der Beschauer ... die Linie auf der Leinwand als ein Mittel zur Abgrenzung eines Gegenstandes ansieht, unterliegt er ... dem Eindruck des Praktisch -Zweckmäßigen. In dem Augenblick aber, in welchem er sich sagt, dass der praktische Gegenstand auf dem Bilde meistens nur eine zufällige und nicht eine rein malerische Rolle spielte und dass die Linie manchmal eine ausschließlich rein malerische Bedeutung hatte, in diesem Augenblick ist die Seele des Beschauers reif, den reinen inneren Klang dieser Linie zu empfinden." (W. Kandinsky/F. Marc: der Blaue Reiter 1912, 161)

So begann es , formuliert 1912.

Die weiße Fläche, ein Marmorblock. Farben auf der Palette, Meißel. Pinsel. Und dann die erste Linie, ein Blau; der Stein klingt unter dem ersten Schlag des Hammers.

Die Linie krümmt, eine andere Linie antwortet; der Stein splittert, kritische Fehlstellen warnen vor Bruch.

Das Werk realisiert sich gleichsam im Dialog mit dem Material. Der Realisierungsprozess ist an das, was je schon real ist, zurückgekoppelt. Kunst ist hier im Sinne von Hans-Georg Gadamer ganz "Spiel". Der Ausgang ist offen.

Freilich, "Landschaften mit und ohne Auerhahn" lassen sich auf diese Weise nicht reproduzieren. Dennoch: Gerade der Charakter des Dialoges gestattet personalen Stil.

So, wie diese Werke im spielerischen Hin-und Her sich bilden, so bilden sie denn im Wahrnehmungsakt des Betrachters ein spielerisches Hin-und Her nach. Was in den Bildern zu sehen ist, offenbart der Betrachtungsprozess. Wieder gleichsam im Dialog mit dem Material, mit dem Gegenstand "Bild". Was in diesen Objekten Stil genannt werden kann, die Identität der Malerin im Werk, ist in den Dialog mit dem Material untrennbar verwoben.

Bildgegenstände

Der Gegenstand "Bild" ist hier Bildgegenstand. Das Abgebildete ist Ergebnis des malerischen Dialogs von Esther Böhm mit den Kategorien Fläche, Linie, Farbe.

Fläche und Raum

Die weiße, von Malern gelegentlich gefürchtete, leere Fläche, ist Ausgangspunkt und Substrat des Realisierungsprozesses. Durch die Dynamik der Linien und Farben wird die Fläche in ein mehrfaches Spannungsverhältnis zum Raum transformiert:

Anhand der Entwicklung im Jahre 1997 ist erkennbar, wie die noch illusionsräumliche Tendenz zur Flächenaufhebung sich allmählich zur illusionären Verräumlichung der Fläche wandelt (P01 bis P04)

Die Bildfläche wird multi- und mikroräumlich organisiert. So sehr sie sich selbst zu verräumlichen scheint, so sehr ist sie doch wieder an ein illusionäre Flächigkeit zurückgebunden. Sie scheint sich zugleich zu wellen und vor lichten Farbflächen zu schweben. (P04)

Die Fläche ist zugleich real begrenzt und doch illusionär entgrenzt. Die dynamische Organisation der Fläche weist über die Bildgrenzen hinaus, das Diptychon entspricht dem in natürlicher Weise (P03). Zugleich erfolgt durch die Verteilung der Farbflächen eine starke Stabilisierung des gesehenen "Ausschnittes": Die Bilder sind rahmenlos aber komponiert. Als ästhetisches Moment bestätigen Rahmen die Komposition. Gleichzeitig eignet der Bilddynamik eine Präsenz, die über den Rahmen hinausreicht. So sehen wir uns von Bildern umgeben, die einerseits Fenster zur Illusionswelt imaginieren, zugleich aber sich selbst als Gegenstand inszenieren.

Linie und Farbe

Der Realisierungsprozess oder Dialog setzt ein, wenn Linien und Farben beginnen die weisse Leinwand zu organisieren. Sie treten gleichsam auf die Bühne. Das Schauspiel ist die allmähliche Verfertigung des Werks selbst. Die Charaktere sind durch das suggestive Potenzial von Linien und Farben gekennzeichnet.

Die Dynamik der Linie, suggestive Bewegung, suggestive Räumlichkeit

Die Dynamik der Farbe, Farbräumlichkeit, Charakter, Farbkontrast

Die suggestiven Charaktere werden wie handelnde Zeichen gesetzt. Es liegt so in ihrer Natur, sich zu verräumlichen.

Esther Böhm gab ihnen Raum in sehr spezifischer Weise. Sie bannte die Zeichen nicht in einen Illusionsraum, die "surrealistische" Lösung. Das Prinzip "Shaped Canvas" (Frank Stella) hätte das fragile Gleichgewicht von Illusion verräumlichter Fläche und Bild als Gegenstand empfindlich zugunsten des "Raumzeichens" zum Gegenständlichen hin verschoben.

Sie verräumlichte die Zeichen in der Fläche selbst.

Bild und Skulptur

Dies soll unseren Blick abschließend auf die Skulpturen von Esther Böhm lenken.

Erinnern wir uns: Das Material selbst tritt auf und in den Dialog des Realisierungsprozesses ein. Es gibt keine Modelle und Entwürfe. Die räumliche Form wird verfertigt in der Konfrontation mit den immer wieder anderen Eigenschaften des Materials, mit dem Auftreten von Strukturen, Linien, Störungen.

"Bildgegenstand" ist die Form auch in der Skulptur. Auch diese Gegenstände können mit ihresgleichen in Dialog treten. Sockel sind hier selbst Skulptur. Metall tritt in Dialog mit Stein.

Dies haben die Skulpturen von Esther Böhm mit den Gemälden gemeinsam: Wir begegnen Bildgegenständen, deren Oberfläche das diffizile Gleichgewicht zwischen Illusion und Gegenständlichkeit hält. Und sie verweisen auf nichts anderes als den Realisierungsprozess selbst.

Vollendete Fragmente

Der primäre Realisierungsprozess des Künstlers schafft in dieser Form vollendete Fragmente.

Es ist ein sekundärer Realisierungsprozess, den die Bildgegenstände von Esther Böhm dem Betrachter anbieten.

Darin gleichen sie dem Fragment: Der Sinn stiftet sich erst durch eine Anstrengung des Rezipienten für diesen selbst.

Konservativ mögen diese Fragmente vielleicht auch genannt werden. Sie sind vielleicht auch nicht ganz modern. In der Tat benötigen sie weder Elektrizität noch Software um gesehen zu werden.

"Die Wahrheit der Kunst liegt in der Durchbrechung des Realitätsmonopols" sagte 1977 Herbert Marcuse in "Die Permanenz der Kunst".

Wo, nach einem Wort Walter Benjamins, die ewige "Wiederkehr des Neuen", das Realitätsmonopol hält, hat auch das Unmoderne sein subversives Recht auf Verweigerung.

In diesem Sinne wünsche ich Fr. Esther Böhm viele Betrachter ihrer Werke.

© Klaus-Jürgen Falk M.A., 2002